DerVorleserBuch und Film „The Reader“: Inhalt, Figuren und Deutung
Inhalt, Figuren, Deutung und alles, was der Film anders macht. Für Schule, Lesekreis und den Abend nach dem Kino.
Ein Buch über Lesen, Schweigen und Schuld
„Der Vorleser“ erschien 1995 im Diogenes Verlag und wurde zum erfolgreichsten Roman von Bernhard Schlink. Erzählt wird er von Michael Berg, der im Rückblick auf seine Jugend in einer westdeutschen Stadt der späten Fünfzigerjahre schaut. Der Ort wird nie genannt, ist aber an Straßen, Fluss und Universität als Heidelberg zu erkennen. Michael ist fünfzehn, als ihm auf dem Heimweg schlecht wird. Er hat Gelbsucht, und eine fremde Frau hilft ihm: Hanna Schmitz, Straßenbahnschaffnerin, 36 Jahre alt.
Aus dem Dank wird eine Affäre mit festen Ritualen. Bevor sie miteinander schlafen, liest Michael ihr vor, aus der „Odyssee“, aus Schillers „Kabale und Liebe“, aus Lessings „Emilia Galotti“, aus Tschechows „Die Dame mit dem Hündchen“. Hanna hört zu, fragt nach, wird wütend, wenn er einen Satz verschluckt. Über sich selbst spricht sie fast nie. Eines Tages ist sie verschwunden, ohne Abschied und ohne Adresse.
Sieben Jahre später sitzt Michael als Jurastudent mit seinem Seminar in einem Prozess gegen ehemalige Aufseherinnen eines Konzentrationslagers. Auf der Anklagebank erkennt er Hanna. Im Verlauf des Verfahrens begreift er, was sie ihr Leben lang verborgen hat: Sie kann weder lesen noch schreiben. Weil sie das nicht zugeben will, nimmt sie die Verantwortung für einen Bericht auf sich, den sie nie verfasst haben kann, und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Michael könnte das Gericht aufklären. Er tut es nicht.
Diese drei Teile, die Affäre, der Prozess und die Jahre danach, sind auf den folgenden Seiten einzeln aufgeschlüsselt: in der Zusammenfassung von „Der Vorleser“, in der Charakterisierung der Figuren und in der Interpretation mit den Themen Schuld, Scham und Analphabetismus.
Hanna verbirgt lieber eine Schuld, die größer wirkt, als eine Scham, die ihr kleiner vorkommt. Michael weiß das und schweigt. Aus diesem doppelten Schweigen baut Schlink seinen Roman.
Erstausgabe bei Diogenes
Kapitel in drei Teilen
Sprachen der Übersetzungen
Oscar-Nominierungen, ein Oscar
Eine Fahrkarte, zwei Richtungen
Was der Roman erzählt und was der Film daraus macht: Seite wählen und vergleichen.
Roman und Film vergleichen
Der Roman
Michael erzählt im Rückblick, ruhig und fast juristisch genau. Hanna sieht man nur durch seine Augen, und vieles bleibt Vermutung.
- Erschienen1995, Diogenes
- ErzählerIch-Form, Rückblick
- AufbauDrei Teile
Der Film
Der Film springt zwischen den Zeiten und zeigt Hanna von außen. Was im Buch Gedanke ist, wird Blick und Pause. Am Ende erzählt Michael seiner Tochter die Geschichte.
- Kino2008, 124 Minuten
- RegieStephen Daldry
- DrehbuchDavid Hare
Wer liest hier wem vor?
Hanna Schmitz
Straßenbahnschaffnerin, später Angeklagte. Sie verbirgt, dass sie nicht lesen und schreiben kann, und nimmt dafür eine härtere Strafe hin als ihre Mitangeklagten. Im Gefängnis lernt sie mit Michaels Kassetten lesen.
- ROLLE
- Geliebte, Angeklagte
- TEIL
- I bis III
- IM FILM
- Kate Winslet
Michael Berg
Der Ich-Erzähler: Schüler, Jurastudent, später Rechtshistoriker. Er versteht viel und handelt wenig, auch in dem Moment, in dem er Hanna mit seinem Wissen entlasten könnte.
- ROLLE
- Erzähler
- TEIL
- I bis III
- IM FILM
- David Kross, Ralph Fiennes
Der Vater
Philosophieprofessor, distanziert und wortkarg. Das Gespräch mit ihm über Verantwortung und Bevormundung gehört zu den Schlüsselszenen des zweiten Teils.
- ROLLE
- Ratgeber wider Willen
- TEIL
- II
- IM FILM
- Matthias Habich
Die Tochter
Überlebende des Lagers, Zeugin im Prozess und Autorin eines Buches über die Zeit dort. Am Ende entscheidet sie, was mit Hannas Erspartem geschieht, und behält nur die Teedose.
- ROLLE
- Zeugin
- TEIL
- II und III
- IM FILM
- Alexandra Maria Lara, Lena Olin
Deutung: vier Fragen, die das Buch offen lässt
Der Roman gibt auf seine großen Fragen keine fertigen Antworten. Vier davon stellen sich fast allen, die ihn lesen.
Hanna wird verurteilt, Michael nicht. Aber er schweigt, als er sie entlasten könnte, und fragt sich später, ob er sie geliebt und verraten hat. Der Roman zeigt, wie weit Schuld reicht, ohne sie gleichmäßig zu verteilen.
Sie nimmt lieber eine höhere Strafe in Kauf, als zuzugeben, dass sie nicht lesen kann. Die Scham wiegt für sie schwerer als das Urteil, und genau das macht sie für Michael so schwer zu begreifen.
Nähe, Macht und ein Ersatz für das Gespräch, das beide nie führen. Im Gefängnis lernt Hanna mit Michaels Kassetten selbst lesen, und er schreibt ihr kein einziges Wort zurück.
Michael fragt mit seinen Kommilitonen nach der Schuld der Eltern und merkt, dass er die Frage auch an sich selbst richten muss. Darum geht es in der ausführlichen Deutung.
Der Vorleser als Film: Stephen Daldrys „The Reader“
Dreizehn Jahre nach dem Roman kam die Verfilmung ins Kino. Stephen Daldry inszenierte sie nach einem Drehbuch von David Hare, produziert unter anderem von Anthony Minghella und Sydney Pollack. Gedreht wurde in Deutschland, vor allem in Görlitz, in Berlin und im Studio Babelsberg, dazu im Kirnitzschtal bei Bad Schandau. Gesprochen wird Englisch, auf ausdrücklichen Wunsch von Bernhard Schlink, damit die Geschichte nicht als rein deutsche Angelegenheit gelesen wird.
Besetzung und Preise
Kate Winslet spielt Hanna Schmitz, David Kross den jungen Michael, Ralph Fiennes den älteren. Bruno Ganz ist Professor Rohl, der das Prozessseminar leitet, Lena Olin übernimmt eine Doppelrolle als Mutter und Tochter Mather. Winslet gewann für die Rolle den Oscar als beste Hauptdarstellerin, dazu einen BAFTA und, als Nebendarstellerin, den Preis der Screen Actors Guild. Weltweit spielte der Film rund 108,9 Millionen US-Dollar ein.
Was der Film anders macht
Der Film verzichtet auf Michaels Erzählstimme. Er rahmt die Handlung mit dem älteren Michael, springt zwischen den Fünfziger-, Sechziger- und Neunzigerjahren und lässt ihn am Ende seiner Tochter Julia von Hanna erzählen, eine Szene, die es im Buch nicht gibt. Wer beides kennt, merkt, wie viel Nachdenken der Roman in Sätze legt, für die der Film Bilder sucht. Die Filmseite listet Besetzung, Drehorte und Preise von „Der Vorleser“ vollständig auf. Wer lieber Englisch liest, findet Film und Roman auch auf der Seite The Reader.
Eine Linie, sechs Haltestellen
Der erste Kriminalroman, zusammen mit Walter Popp.
Der Roman, mit dem er international bekannt wurde.
Sieben Erzählungen über Liebe und Verrat.
Die Verfilmung von Stephen Daldry kommt ins Kino.
Roman über ein Frauenleben im 20. Jahrhundert.
Roman über einen Mann, der weiß, dass er bald stirbt.
Jurist, Richter am Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalen und Professor in Bonn, Frankfurt am Main und Berlin: mehr über Werdegang, Bücher und Preise auf der Seite über Bernhard Schlink.
Bücher vom Spieltisch
Die Rubrik „Spiel und Literatur“ sammelt Romane, Sachbücher und Verfilmungen über Karten, Casinos und Walzen: Ben Mezrichs „21“, Scorseses „Casino“ und vier Buchlisten. Karte umdrehen, Liste öffnen.
Ein Ratgeber, eine Studie aus Las Vegas und ein Systembuch.
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Aus dem Regal
Nach „Der Vorleser“ geht es im Regal weiter: fünf Rezensionen zu Romanen und Erzählungen von Thomas Pynchon, Charles Bukowski, Henry Miller, Irvine Welsh und Roddy Doyle. Alle stehen in der Übersicht der Rezensionen.
Was oft gefragt wird
01Worum geht es in „Der Vorleser“?
Der fünfzehnjährige Michael Berg beginnt 1958 eine Affäre mit der 36-jährigen Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz, der er vor dem Sex vorliest. Jahre später sieht er sie als Jurastudent in einem Prozess gegen frühere KZ-Aufseherinnen wieder und erkennt, dass sie nicht lesen kann. Die Zusammenfassung erzählt alle drei Teile nach.
02Wer hat „Der Vorleser“ geschrieben?
Bernhard Schlink, Jurist und Schriftsteller, geboren 1944. Der Roman erschien 1995 bei Diogenes und wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Mehr über Werdegang und Bücher steht auf der Seite über Bernhard Schlink.
03Wer spielt im Film „The Reader“ mit?
Kate Winslet spielt Hanna Schmitz, David Kross den jungen und Ralph Fiennes den älteren Michael Berg. Dazu kommen unter anderem Lena Olin, Bruno Ganz und Alexandra Maria Lara. Regie führte Stephen Daldry, das Drehbuch schrieb David Hare. Die ganze Besetzung steht auf der Filmseite.
04Hat Kate Winslet für „The Reader“ einen Oscar gewonnen?
Ja. Bei der Oscarverleihung am 22. Februar 2009 erhielt Kate Winslet den Preis als beste Hauptdarstellerin. Der Film war insgesamt fünfmal nominiert, unter anderem als bester Film und für die Regie.
05Ist „Der Vorleser“ eine wahre Geschichte?
Nein. Hanna und Michael sind erfunden. Der Roman greift aber die realen Prozesse gegen NS-Täterinnen und -Täter in der Bundesrepublik auf und fragt, wie die Generation der Kinder mit der Schuld der Eltern umgeht. Die Interpretation geht dieser Frage nach.